{"id":650,"date":"2016-06-16T20:58:20","date_gmt":"2016-06-16T18:58:20","guid":{"rendered":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/?p=650"},"modified":"2021-10-13T14:19:15","modified_gmt":"2021-10-13T12:19:15","slug":"messengerisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/messengerisierung\/","title":{"rendered":"Verhindern? Nein"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Reto Eugster (*)<\/em><\/p>\n<p>Zu &#8222;Massen-Eremiten&#8220; w\u00fcrde uns das Fernsehen machen, warnte G\u00fcnther Anders in den 50er Jahren. Das Fernsehen erzeuge die Form des Teilhabens ohne Teilnahme. Als passive Emp\u00adf\u00e4nger sind wir vor dem Fern\u00adseher \u00abdabei\u00bb, am Fussballspiel oder am Gottesdienst, und blei\u00adben Abwesende. Die Kritik am Einbahn\u00adprinzip des Fernsehens ist alt. Heute, in der Zeit des mobilen Internets, erleben wir den &#8222;Zwang&#8220; zur Inter\u00adaktion. Ein Smartphone ist auf Austausch hin angelegt.<\/p>\n<p>Mit den Sozialen Medien verabschieden wir uns von der Empf\u00e4ngerrolle. Nun gestalten wir ein Ereignis wie den Amoklauf von M\u00fcnchen mit. Wir erzeugen \u00c4ngste, Ger\u00fcchte und Meinungen. T\u00e4ter planen ihre Tat unter Ber\u00fccksichtigung unserer aktiven Mitarbeit.<\/p>\n<p>Bevor die Polizei am Tatort in M\u00fcnchen ermitteln konnte, kursierte in den Sozialen Medien ein Tatortfoto. Die Aufnah\u00adme wirkte dra\u00admati\u00adsierend \u2013 und erwies sich als Fake. Die Meldung&nbsp;\u00abSch\u00fcsse im Zentrum M\u00fcn\u00adchens\u00bb l\u00f6ste Panik aus. Auch sie war falsch, brachte aber die Grossstadt in Wallung. Ein Polizei\u00adsprecher sprach vom \u00abProblem der Angst\u00bb. Er fragte sich, wie den aufgesch\u00e4umten \u00c4ngsten der nicht unmittelbar Betrof\u00adfenen beizukommen ist.<\/p>\n<p>Was tun? Eine einfache und schwierige Frage zugleich.<\/p>\n<p><em>Einfach<\/em>: Bei der Aneignung Sozialer Medien m\u00fcssen wir lernen, Information mediengerecht zu deuten. Soziale Medien verlangen eine soziale Lesart, verlangen \u00abVertrauensfilter\u00bb. Es geht um den Prozess der &#8222;sozialen Eichung&#8220;. Um die Vertrauensw\u00fcrdigkeit von Freundesfreunden &#8211; und letztlich ihrer Beitr\u00e4ge &#8211; zu \u00abtesten\u00bb, sind andere Kriterien n\u00f6tig als bei einem journalistischen Text. Medien\u00adkompetenz ist gefragt.<\/p>\n<p><em>Schwierig<\/em> ist die Beantwortung der Frage, weil wir uns inmitten einer Um\u00adw\u00e4lzung befin\u00adden.&nbsp;Wir erleben, wie Messaging \u2013 mit Whatsapp als Marktf\u00fchrer \u2013 zur zentralen Anwendung wird, welche die \u00aboffenen\u00bb Plattformen relativiert. Die vier bedeutendsten Messenger haben mehr aktive Nutzer als die vier wichtig\u00adsten Sozialen Platt\u00adformen (Facebook, Twitter usw.). Wir k\u00f6nnen Ash Reads Gedanken aufnehmen (12.4.16, blog.bufferapp.com) und von einer&nbsp;<em>Messengerisierung<\/em>&nbsp;sprechen. Konkret bedeutet dies: Wer z.B. Twitter nutzt, stellt eine Form von &#8222;\u00d6ffentlichkeit&#8220; her. Dies bedeutet, sich zu exponieren. F\u00fcr viele ist dies zu riskant. Sie entziehen sich den \u00aboffenen\u00bb Plattformen. Im Trend liegen Whatsapp-Gruppen. Ob Fussballfans, politische Zirkel, Nachbar\u00adschaften, Schul\u00adfreunde, Studienzirkel, Clubs: in geschlos\u00adsenen Gruppen entfaltet sich der Mut zur Profilierung. Ein Trend mit Fol\u00adgen:<\/p>\n<ul>\n<li>Debatten verlagern sich in kleingruppenbezogene&nbsp;soziale Nischen.<\/li>\n<li>Diskutiert wird hinter \u00abverschlossener T\u00fcr\u00bb, abgedun\u00adkelte Zonen des Sozialen entstehen, ein eigentliches <em>Darknet<\/em>.<\/li>\n<li>\u201eOffene\u201c Plattformen drohen zu Verlautbarungsinstrumenten zu verkommen, die mehr und mehr <em>Werbe\u00adsmog<\/em> produzieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Appell, Warnung, Verhinderung: Weder das kulturpessimistische \u00abL\u00f6sungsdreieck\u00bb noch die \u00abSicher\u00ad\u00adheitsesoterik\u00bb aufgeschreckter Politakteure bringen uns weiter. Das Risiko der Risikovermeidung ist zu gross.<\/p>\n<p>Sinnvoller ist die Frage, wie das nicht ausgesch\u00f6pfte Potenzial Sozialer Medien bei der \u00dcberwindung von aktuellen Problemen genutzt werden kann: f\u00fcr politisches Engagement, das neue Formen der B\u00fcrger\u00adbeteiligung erm\u00f6glicht, f\u00fcr die Schaf\u00adfung von Rahmenbedingungen, die soziotechni\u00adsche Innovation be\u00adg\u00fcnstigen, f\u00fcr die gene\u00adra\u00adtio\u00adnen\u00ad\u00ad\u00fcbergreifende F\u00f6rderung von Medien\u00adkompe\u00adtenz.<\/p>\n<p>Die gute und die schlechte Nachricht lassen sich in einem Satz ausdr\u00fccken, den Luhmann \u00e4hnlich formu\u00adlierte: \u00abDie Welt\u00bb wird besser und schlechter gleichzeitig.<\/p>\n<p><strong><em>In leicht gek\u00fcrzter Form am 1.9.2016 im Pfarreiforum, St. Gallen, erschienen (Redaktion Stephan Sigg).<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Reto Eugster (*) Zu &#8222;Massen-Eremiten&#8220; w\u00fcrde uns das Fernsehen machen, warnte G\u00fcnther Anders in den 50er Jahren. 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