{"id":3276,"date":"2017-05-23T08:58:00","date_gmt":"2017-05-23T06:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/?p=3276"},"modified":"2021-10-13T14:18:37","modified_gmt":"2021-10-13T12:18:37","slug":"retoeugster-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/retoeugster-interview\/","title":{"rendered":"Die Erde ist flach. Jedenfalls f\u00fcr Spazierg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit Februar 2013 gibt es das neue Weiterbildungszentrum an der FHS St.Gallen: mit einem hohen Anspruch an Bildungsinnovation. Lisa Brunner im Gespr\u00e4ch mit dem neuen Leiter, Reto Eugster, \u00fcber Vorhaben und Ausrichtung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was \u00e4ndert sich mit der Neugliederung der Weiterbildung an der FHS St. Gallen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die bisherigen vier Weiterbildungsabteilungen, die strukturell in den vier Fachbereichen Wirtschaft, Technik, Gesundheit und Soziale Arbeit verankert waren, sind Anfang 2013 in das neue Weiterbildungszentrum \u00fcbergegangen. Unsere Angebote beziehen sich neu auf neun Themenschwerpunkte, beispielsweise Gesundheit, Business Administration, Public Services oder Neue Medien. Die Neustrukturierung macht klar: Uns ist eine fachbereichs\u00fcbergreifende und interdisziplin\u00e4re Perspektive wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine solche Neustrukturierung ver\u00e4ndert Lehr-Lern-Arrangements.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Fokus verschiebt sich vom Was des Lernens auf das Wie des Lernens. Wir vollziehen eine Bewegung vom Lehren zum Lernen. Damit ver\u00e4ndern sich Erwartungen an Studierende und Dozierende. Studierende stehen am Regie-Pult ihres Lernprozesses. Dozierende sind auch Vermittler, Lotsen, Coaches, Berater usw.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dies bedeutet, es steht Ver\u00e4nderung an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben nicht erst im Februar 2013 begonnen, Lernarrangements weiter zu entwickeln. Bereits heute sind wir auf dem aktuellen Stand der Weiterbildungsentwicklung. Vieles ist geleistet. Aber es ist nicht falsch zu sagen: Wir wollen mehr erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es stehen Investitionen in die Bildungsinnovation an?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir nutzen die Expertise unserer Hochschule, konkret beispielsweise des Zentrums f\u00fcr Hochschulbildung, um Bildungsinnovation zu forcieren. In den n\u00e4chsten Jahren werden wir Zeit und Geld gezielt in Bildungsinnovation investieren. Ausgangspunkt dabei ist die Frage: Welche Lernarrangements erm\u00f6glichen optimales transferorientiertes Lernen, und wie erreichen wir gleichzeitig eine Wissenschaftsn\u00e4he, die professionelles Handeln begr\u00fcndet und legitimiert?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Weg vom Frontalunterricht\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Eine Formulierung, die ideologisch schmeckt. Die Frage ist eher, welche Ziele mit welchem Lernarrangement erreichbar sind. Schulen m\u00fcssen allerdings von der Vorstellung Abschied nehmen, dass nur dort gelernt werde, wo gelehrt wird. Eine Formulierung von Rolf Arnold.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lernen an Hochschulen, da denkt man immer noch an H\u00f6rs\u00e4le, Vorlesungen \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 An eine Art von Studierenden-Beschallung? Nein, das ist weder unsere Gegenwart noch unser Ziel. Die Studierenden sind als Lernakteure angesprochen. Sie sind weniger Teil eines Lehrgangs als vielmehr Initiatorin oder Initiator ihres Lerngangs.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dies bedeutet, dass von Studierenden der Weiterbildung mehr erwartet wird als zuzuh\u00f6ren, zu notieren und zu reproduzieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Lernen ist eine Herausforderung, eine Befriedigung, eine Chance \u2013, aber stets auch eine Zumutung. Bew\u00e4hrte Denkmuster und Handlungskonventionen, \u201efunktionierende Vorurteile\u201c, wie Soziologen sagen, werden hinterfragt. Lernen bedeutet, von einer Haltung vermeintlicher Gewissheit zu einer Haltung der \u00dcberraschbarkeit zu kommen. Studierende m\u00fcssen bereit sein, diese Lernzumutung anzu\u00adnehmen. Lernen bedeutet die Entwicklung einer Lernhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das erfordert Studierende, die mitmachen, die bereit sind, das Prozesshafte des Lernens zu akzeptieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Spazierg\u00e4nger reicht die Vorstellung der Erde als Scheibe. F\u00fcr den Flugreisenden ist es von Vorteil, f\u00fcr den Astronauten ein Muss, die Erde als Erdball zu begreifen. Mit den Zielen \u2013 Spazieren, Fliegen, Mondbegehung \u2013 wechseln die Lernzumutungen. Nach wie vor existiert in den USA die Bewegung der Flacherdler. Sie nennt sich Flat Earth Society und setzt sich aus Zeitgenossen zusammen, die auf dem Konzept einer flachen Erde bestehen. F\u00fcr sie ist eine Erde ohne R\u00fcckseite unvorstellbar.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Verweigerung, sich neuen Erkenntnissen zu \u00f6ffnen\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 F\u00fcr die akademische Welt durchaus eine verwegene Verweigerung. Das politische Ziel der Flat Earth Society besteht meines Wissens nach wie vor darin, die US-Regierung dazu zu bewegen, die Erde zur Scheibe zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Ziel, das noch nicht erreicht ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Flacherdler sind nicht bereit, sich der Zumutung von Satellitenbildern zu stellen, da diese Bilder etwas zeigen, was sich der Unmittelbarkeit ihrer Erfahrung entzieht. Meine Einsch\u00e4tzung ist, dass wir in Lernprozessen immer wieder zu Flacherdlern werden. Jenseits flacher Gewissheiten sind Erkenntnisse oft m\u00fchsam nur zu akzeptieren. Mit dem Wissen vermehrt sich das Nichtwissen. Am Ende eines Lehrgangs weiss ich mehr als zu Beginn, aber es \u00f6ffnet sich unversehens ein Horizont neuer Fragen. Und das ist nicht die schlechte, sondern die gute Nachricht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hier kommt Wissenschaft ins Spiel. Wissenschaft erm\u00f6glicht, \u00fcber das Faktische und \u00fcber das Offensichtliche hinaus zu gelangen. Aber schadet zu viel Wissenschaft nicht der Praxistauglichkeit?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Anwendungsorientierung und Wissenschaftsn\u00e4he als Gegensatz zu denken, greift zu kurz. Es macht einen Unterschied, ob professionelles Handeln auf Ger\u00fcchten, Annahmen, Vorurteilen usw. beruht oder ob es wissenschaftliche Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt. Wer ein Haus baut, tut gut daran, sich bei Fragen der Statik nicht bloss auf Ger\u00fcchte oder sein Gef\u00fchl zu verlassen, sondern geologische Theorien der Erdschichtung ernst zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wissenschaft erzeugt eine Art von Wissens\u00fcberhang, der bei konkreten Anwendungen nicht gebraucht wird \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das unterscheidet wissenschaftliches Wissen von Rezeptwissen. Wissenschaft erzeugt, gemessen an der einzelnen Anwendung, diesen Wissens\u00fcberschuss, weil sie an einer Welt-in-Bewegung ausgerichtet ist. Sie rechnet damit, dass sich Anforderungen an Handelnde laufend \u00e4ndern. Deshalb geht es in der Wissenschaft weniger um Wissensbest\u00e4nde als um Wissenschaftsdiskurse. Durch unsere Wissenschaftsn\u00e4he erm\u00f6glichen wir Weiterbildungen, die Handelnde auf eine sich wandelnde Welt vorbereitet.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Handelnde aber m\u00fcssen wissenschaftliches Wissen oft ignorieren, wenn sie entscheidungsf\u00e4hig bleiben wollen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Entscheiden ist immer, wie Marcel Loher sagt, eine Verzichtsplanung. Die Entscheidungsf\u00e4higkeit und die F\u00e4higkeit, auszublenden, geh\u00f6ren auf eigent\u00fcmliche Weise zusammen. Aber es macht den entscheidenden Unterschied, ob wissenschaftliches Wissen anwendungsbezogen als irrelevant bewertet oder ob es einfach ignoriert wird. Denken Sie an die geologische Expertise beim Hausbau.<\/p>\n\n\n\n<p><em>In einer sich wandelnden Welt wird vernetztes Denken wichtig. Interdisziplinarit\u00e4t, ein Schl\u00fcsselbegriff\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Als Etikette beliebt, bei der Implementierung h\u00e4ufig untersch\u00e4tzt. Oft ist damit schlicht die Erweiterung einer beruflichen Perspektive gemeint. Wie ist es m\u00f6glich, die eigenen Routinen vor dem Hintergrund \u201efremden\u201c Wissens zu reflektieren und auf neue Gedanken zu kommen. Gerade der enorme Innovationsdruck, dem ganze Branchen ausgesetzt sind, legt die Hoffnung auf den \u201eanderen Blick\u201c nahe. Edison, Zuse, Berners-Lee: Sie mussten Denkkonventionen sprengen, um die Gl\u00fchbirne, programmgesteuerte Rechner oder das World Wide Web zu \u201eerschaffen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was ist bei der Realisierung von Interdisziplinarit\u00e4t wichtig?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als Weiterbildungszentrum ist es uns wichtig, spezifische Anforderungen von Berufen, Professionen und Branchen zu verstehen. Deshalb arbeiten wir intensiv mit Praxispartnern zusammen. Anspr\u00fcche nach \u201eInterdisziplinarit\u00e4t\u201c k\u00f6nnen nicht meinen, diese Spezifika zu vernachl\u00e4ssigen. \u201eInterdisziplinarit\u00e4t\u201c kommt dort ins Spiel, wo Probleme nicht nur kompliziert sind, sondern komplex werden. Um Probleme angehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Akteure disziplin\u00e4re Bez\u00fcge nutzen und gleichzeitig \u00fcber sie hinaus kommen k\u00f6nnen. Interdisziplinarit\u00e4t setzt disziplin\u00e4re Selbstvergewisserung voraus.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Man muss die Notwendigkeit von Interdisziplinarit\u00e4t erkennen k\u00f6nnen, und zwar im konkreten Anwendungsfall.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Bei einer Betriebsbesichtigung erkl\u00e4rte mir der Verantwortliche, die Produktionsprozesse seien inzwischen durchg\u00e4ngig optimiert. Doch wenn Mitarbeiter in einer Produktionseinheit im Konflikt lebten und sich dieser in den Feinver\u00e4stelungen der Kommunikation ablagere, leide die gesamte Produktion darunter. Die Optimierung der Produktionsprozesse ist ein Gesch\u00e4ft, bei dem Prozessexperten unverzichtbar sind. Dar\u00fcber hinaus zeigt sich, dass hier eine hochspezifische soziologische Expertise relevant ist. W\u00e4hrend die einen Konflikte als Unf\u00e4lle sehen, sind sie f\u00fcr die anderen Normalf\u00e4lle der Kommunikation. Der Wechsel der Perspektive er\u00f6ffnet neue Handlungsoptionen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mein Eindruck ist, dass Experten oft zu wenig \u00fcber die Optionen anderer Experten wissen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem der Interdisziplinarit\u00e4t ist, dass man nicht weiss, was man nicht weiss. Und so weiss ich oft nicht, dass es jemanden g\u00e4be, der w\u00fcsste, wie mein Problem zu l\u00f6sen w\u00e4re. Oder der mindestens glaubt oder glauben machen will, es zu wissen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>*Reto Eugster leitet seit Februar 2013 das Weiterbildungszentrum FHS St.Gallen. Zuvor war er w\u00e4hrend rund 15 Jahren als Institutsleiter t\u00e4tig. Er lehrt mit den Schwerpunkten Beratungs- und Medienwissenschaft und leitet den Euregio-Lehrgang Beratung sowie das Masterstudium Social Informatics, gemeinsam mit Selina Ingold. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Februar 2013 gibt es das neue Weiterbildungszentrum an der FHS St.Gallen: mit einem hohen Anspruch an Bildungsinnovation. Lisa Brunner im Gespr\u00e4ch mit dem neuen Leiter, Reto Eugster, \u00fcber Vorhaben und Ausrichtung. Was \u00e4ndert sich mit der Neugliederung der Weiterbildung an der FHS St. Gallen?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[143],"tags":[108],"class_list":["post-3276","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","tag-publikation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3276","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3276\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}