{"id":258,"date":"2018-03-11T20:50:02","date_gmt":"2018-03-11T18:50:02","guid":{"rendered":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/?p=258"},"modified":"2024-12-27T12:08:02","modified_gmt":"2024-12-27T10:08:02","slug":"totengebete-und-facebook-likes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/retoeugster.ch\/blog\/totengebete-und-facebook-likes\/","title":{"rendered":"Totengebete und Facebook-Likes?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Sterben und Tod: Im Zuge ver\u00e4nderter Mediennutzung wandeln sich auch Formen des Trauerns.&nbsp;<a href=\"http:\/\/retoeugster.ch\/\">Prof. Dr. Reto Eugster<\/a>&nbsp;im Gespr\u00e4ch mit&nbsp;<a href=\"http:\/\/claudiadeuber.ch\/\">Claudia Deuber&nbsp;<\/a>\u00fcber die Medialisierung des Trauerns.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Was ist typisch f\u00fcr die Art, wie heute mit Sterben und Tod umgegangen wird?<\/strong><br \/>\nDer Umgang mit Sterben und Tod unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel. W\u00e4hrend die Vorstellungen von Sterben und Tod vom fr\u00fchen Mittelalter bis hinein ins 18. Jahr\u00adhundert weitgehend religi\u00f6s \u201egez\u00e4hmt\u201c waren, erleben wir heute ihre Psychisierung und \u00c4sthetisie\u00adrung. Der Tod ist nichts mehr, was uns \u201eschicksalhaft\u201c ereilt, dem wir uns ergeben, sondern ist eine Zu\u00admutung, die der medialen Skandalisierung bedarf.<\/p>\n<p><strong>Was ist mit Psychisierung und \u00c4sthetisierung gemeint?<\/strong><br \/>\nIn einer stark indivi\u00addua\u00adlisierten Gesellschaft sind Sterben und Tod Angelegenheiten des Einzelnen. Nun droht der Umgang mit der Angst vor dem Tod zum psychischen Problem zu werden, das im Zweifel psychopharmakologisch behandelt wird. Anderseits ist der Tod in seinen medialen In\u00adszenie\u00ad\u00ad\u00adrungen allgegenw\u00e4rtig. Ob im TV-Krimi, in der Tagesschau, bei stark frequen\u00adtier\u00adten YouTube-Sequenzen oder in historischen Dokumentationen usw.: Es geht um die Klischierung und Mythisierung von Sterben und Tod. Wir sprechen zusammenfassend von der \u00c4sthetisierung des Todes.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wie wirkt sich diese Medialisierung des Todes aus?<\/strong><br \/>\nMedial inszeniert, erreicht uns der Tod nicht als Betroffene, sondern als Zuschauer. Wir k\u00f6nnen uns den Tod auf Distanz halten. Im Zweifelsfall hilft die TV-Fernbedienung, um uns den Zumutungen der Thematik zu entziehen.<\/p>\n<p><strong>Trauer scheint auch ein Social-Media-Thema geworden zu sein?<\/strong><br \/>\nDas ist richtig. Virtuelle Friedh\u00f6fe waren noch vor zehn Jahren Nischen im Internet. Heute unterhalten die renommierten Zeitungen virtuelle Gedenkst\u00e4tten. Diese weden stark frequen\u00adtiert.<\/p>\n<p><strong>Tote hinterlassen Spuren im Internet<\/strong><br \/>\nKnapp 400.000 Facebook-Konten hinterlassen verstobene User in Deutschland j\u00e4hrlich, in der Schweiz d\u00fcrften es etwa 40.000 sein. Und dabei ist Facebook nur ein Anbieter. Cloud-Firmen, zum Beispiel der Schweizer Anbieter SecureSafe, bieten die M\u00f6glichkeit der Datenvererbung. Meine Daten sind verschl\u00fcsselt. Doch ich kann definieren, wer nach meinem Tod Zugang zu welchen Dateien erhalten soll. SecureSafe-Services sind verbreitet, sie werden von verschiedenen Kantonalbanken angeboten.<\/p>\n<p><strong>Ist es legitim, im Internet quasi \u00f6ffentlich zu trauern?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr Generationen ist das Internet zum Betriebssystem des Alltags geworden. Hier werden Schulaufgaben gel\u00f6st, Partnerschaften und Arbeitsstellen vermittelt, Fotos geteilt, Steuern berechnet, hier wird eingekauft, medizinisch beraten, hier \u00e4rgern sich Leute \u00fcbereinander und hier verlieben sie sich ineinander. Weshalb sollte hier nicht auch getrauert werden? Ich halte diese Entwicklung f\u00fcr folgerichtig und solche Trauerformen f\u00fcr legitim.<\/p>\n<p><strong>Trifft das auf alle Generationen und sozialen Milieus zu?<\/strong><br \/>\nDas ist eines der Probleme. Nach wie vor gibt es einen deutlichen generationalen Graben bei der Internetnutzung. Der Zugang zum Netz wird mehr und mehr Voraussetzung f\u00fcr gesellschaft\u00adliche Teilhabe. Wie oft h\u00f6ren wir in Gesch\u00e4ften, Details und Rabatte seien im Internet zu finden. SBB-Sparbillette: Dazu braucht es einen Netzzugang. Doch beispiels\u00adweise \u00e4ltere Frauen sind im Netz stark untervertreten.<\/p>\n<p><strong>Ver\u00e4ndert sich durch diese Virtualisierung die Trauerkultur unserer Gesellschaft?<\/strong><br \/>\nUnsere Trauerkultur ist vielf\u00e4ltig geworden. Schwarze Kleider zu tragen, Totengebete zu zelebrieren, biblische Grabsteininschriften zu gestalten: Das sind nach wie vor wichtige Formen des Umgangs mit Tod und Trauer. Doch der irdische Platz, den wir bean\u00adspru\u00adchen, wird tendenziell kleiner. Urnen- und nicht Erdbestattung, Gemeinschafts- und nicht Einzelgr\u00e4ber sind im Trend. Zugespitzt: Wir beanspruchten im Tod weniger \u201eirdischen Raum\u201c, daf\u00fcr mehr virtuellen.<\/p>\n<p><strong>Findet dieser Wandel der Trauerkultur gen\u00fcgend Akzeptanz?<\/strong><br \/>\nVermutlich ist es besser, von Trauerkulturen, also im Plural, zu sprechen. Der Umgang mit Tod und Trauer hat sich in der nach-konfessionellen Zeit ausdifferenziert. Nebst den Priestern gibt es unterschiedliche Arten von Ritualmeistern und -meisterinnen, die sich als Trauerbew\u00e4ltigungsassistenz anbieten. Noch in den 80er Jahren war umstritten, ob Kinderspielzeuge als Trauersymbole auf Gr\u00e4bern verboten werden sollen. Eine Zeitlang geh\u00f6r\u00adten Berufsbezeichnungen zu den tolerierten Grabinschriften. Heute zieren bereits Web-Adressen Grabsteine. Kurzum: Formen des Trauerns \u00e4ndern sich st\u00e4ndig, wenn die Bedeutung des Religi\u00f6sen, mindestens unter einer erweiterten begrifflichen Perspektive, auch bleibt.<\/p>\n<p><strong>Wie erleben sie in ihrem Umfeld diese Entwicklung?<\/strong><br \/>\nEin Fachkollege verstirbt unerwartet. Eine gemeinsame Bekannte will mir dies mitteilen. Als sie anruft, bin ich bereits informiert. Zwei Tage zuvor sass ich im Zug zwischen Z\u00fcrich und St. Gallen schockiert vor meinem Smartphone, als ich von seinem Tod via Facebook erfuhr. Letzte Fotos von ihm waren noch zug\u00e4nglich. Ein Link f\u00fchrte mich zu einem Trauerportal. Hier sah ich, dass Kolleginnen und Kollegen ihr Beileid bereits ausgedr\u00fcckt hatten, und zwar auf empathisch-individuelle Art.<\/p>\n<p><strong>Was geschieht bei solchen Trauerportalen?<\/strong><br \/>\nEs bilden sich Trauer-Communities. Dabei sind drei Aspekte wichtig: a) Die Trauer wird \u201evergemeinschaftet\u201c. b) Ich begegne einem&nbsp;medial inszenierten Tod, in einer Zuschauerrolle, die Distanz schafft. c) In meiner Trauer kann ich aktiv wer\u00adden, in dem ich Kommentare, Fotos usw. einbringe.<\/p>\n<p><strong>Diese Trauerportale schaffen \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr etwas sehr Privates.<\/strong><br \/>\nBei vielen Portalen ist es m\u00f6glich, den Zugang auf einen Freundeskreis hin einzu\u00adschr\u00e4nken. Auch Facebook oder \u00e4hnliche Anwendungen richten sich an \u201eFreundes\u00adkreise\u201c. Doch die Vorstellungen, was privat und was \u00f6ffentlich sei, ver\u00e4ndern sich stark. Dies hat auch Auswirkungen auf den Umgang mit der Trauer. Im Zuge von Social Media geht es nicht mehr nur um privat vs. \u00f6ffentlich. Vielmehr werden im Sinne des Soziologen Jan Schmidt \u201epers\u00f6nliche \u00d6ffentlichkeiten\u201c geschaffen, ungez\u00e4hlte Nischen\u00f6ffentlichkeiten.<\/p>\n<p><strong>Zu Lebzeiten sollte man sich um Erbschaftsfragen k\u00fcmmern. Sollte man sich auch f\u00fcr seine digitale Hinterlassenschaft interessieren?<\/strong><br \/>\nDie Trauerportale sind Konstruktionen von Hinterlassenschaft. Ich erlebte, dass eine Facebook-Freundin von mir starb und ihr Facebook-Profil \u00fcber ihren Tod hinaus aktiviert blieb. Irgend etwas hinderte mich daran, diesen Facebook-Kontakt zu l\u00f6schen. So blieb ich mit einer Toten \u201everbunden\u201c. Als eines Tages \u00fcber diesen Account wieder gepostet wurde, wirkte dies wie ein metaphyisches Ereignis auf mich. Zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen scheint sich ein dritter Horizont zu \u00f6ffen. Der Spielraum des Virtuellen.<\/p>\n<p><em>Reto Eugster, Prof. Dr., ist Leiter des Weiterbildungszentrums der FHS St. Gallen und in der Hochschullehre t\u00e4tig. Er ist Mitbegr\u00fcnder des Masterprogramms Social Informatics.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sterben und Tod: Im Zuge ver\u00e4nderter Mediennutzung wandeln sich auch Formen des Trauerns.&nbsp;Prof. Dr. Reto Eugster&nbsp;im Gespr\u00e4ch mit&nbsp;Claudia Deuber&nbsp;\u00fcber die Medialisierung des Trauerns. Was ist typisch f\u00fcr die Art, wie heute mit Sterben und Tod umgegangen wird? Der Umgang mit Sterben und Tod unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel. 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